Marc Kirch lebte 10 Jahre in Freiburg und stand mit uns vor allem wegen seines Engagements für ME/CFS in Kontakt. Wir begleiteten Ihn in seinen letzten Wochen. Seinem Wunsch folgend machen wir seinen Tod und dessen Umstände bekannt, damit sich etwas ändert, Nachfolgenden sein Los erspart bleibt und ähnlich Betroffenen hoffentlich umgehend geholfen wird.
Es ist eine der größten medizinischen Skandale unserer Zeit, dass ME/CFS-Erkrankte in einem der reichsten Länder der Erde wegen fehlender medizinischer Hilfe, falscher Pflege und einer fehlenden reizausschließenden Umgebung ihrem Leben ein Ende setzen wollen.
Unversorgt und ungeschützt verschlimmert sich bei vielen der Krankheitszustand ständig. Und es werden immer mehr, denen es nicht länger möglich ist, die Qualen ihrer Erkrankung ohne Hoffnung auf Besserung zu ertragen. Manche entscheiden sich, ihr Leben aktiv zu beenden.
Für immer mehr Schwerst-Betroffene wird dies zu einer denkbaren Entscheidung, weil sie von Politik und Gesellschaft im Stich gelassen werden; denn es gibt kaum Forschung, keine Medikamente, keine Versorgungszentren, jede Menge unwissende Ärzte, die ME/CFS nicht kennen und deshalb die Symptome als psychisch bedingt fehlinterpretieren und/oder Betroffene als Simulanten und Drückeberger abqualifizieren und demütigen.
Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) berichtet, dass es in den letzten ein bis zwei Jahren eine Zunahme von Anträgen auf Vermittlung einer Suizidassistenz, primär mit einer diagnostizierten ME/CFS, gab. Laut ihrem Referenten, Dr. Christian H. Sötemann, liegt beim Großteil der Antragstellenden ein fortgeschrittener Krankheitsverlauf vor:
"Es wurde bereits vieles versucht, um die Beschwerden zu lindern – meist ohne nachhaltigen Erfolg."
Diese „Versorgungslücke“ wird von den Betroffenen immer wieder klar benannt. Der entscheidende Beweggrund für einen begleiteten Freitod ist die Unerträglichkeit des Leidenszustandes auf lange Sicht und ohne Hoffnung auf Verbesserung.
Hannes Berns Nachruf für seinen Freund und ehemaligen Zimmernachbarn Marc Kirch ist ein authentischer Bericht direkt aus dem Epizentrum der ME/CFS-Hölle, so unfassbar und unglaublich, wie der gesamte gesellschaftliche Umgang mit dieser Erkrankung und den davon Betroffenen.
Gedanken zum Tod meines Freundes, Weggefährten
und nimmer lebensmüden, kämpferischen ME-Bruders
„Der Wert einer Gesellschaft bemisst sich daran, wie sie die Schwächsten behandelt.”
Gustav Heinemann (ehemaliger Bundespräsident)
Marc ist tot.
Seine Betreuerin, die – auf Marcs ausdrücklichen Wunsch hin – der ärztlich und juristisch
bewilligten Freitodbegleitung beiwohnte, hatte bis zuletzt gehofft, dass er die tödliche
Infusion nicht aufdrehen würde.
Ich bin fassungslos.
Es fühlt sich absolut falsch an, dass ich jetzt noch lebe – und er tot ist.
Es ist falsch.
Wenn ich die Kraft hätte, die verantwortlichen Menschen aus der Politik zur Rechenschaft zu
ziehen, die Marcs Tod, meinen heraufziehenden Tod und den Tod so vieler an dieser
höllischen Erkrankung bereits Verstorbener und in Zukunft noch Sterbender
mitzuverantworten haben – jeden einzelnen ME-Toten seit über 60 Jahren totalem
Staatsversagen –, dann würde ich es sofort tun.
Es ist ein Menschheitsverbrechen, in gewisser Weise eine Form der Euthanasie, bei der sich
niemand die Hände schmutzig macht und die "Drecksarbeit" der alternativlosen Selbsttötung,
sei es durch eine nach endloser Qual in äußerster Verzweiflung und Aussichtslosigkeit
getroffene Entscheidung zur kostenpflichtigen assistierten Freitodbegleitung oder durch einen
verzweifelten Affektsuizid – am schwerstkranken und doch so lebenswilligen Menschen
hängen bleibt. Im Fall des assistierten Suizids dreht dieser, völlig entkräftet und
krankheitszermürbt, mit zittrigen Händen das Rädchen zur Einspeisung der tödlichen
Infusion selbst auf, nachdem das staatliche Gesundheitssystem ihn durch jahrzehntelange
Unterlassung, Ignoranz, ungeeignete und dadurch schädliche Pflegemaßnahmen sowie eine
völlig unzureichende medizinische Behandlung an diesen Punkt getrieben hat und ein
erlösender natürlicher Tod schlichtweg nicht mehr abzuwarten war.
Dabei soll an dieser Stelle ausdrücklich betont werden, dass die historische Euthanasie im
Nationalsozialismus ein staatlich organisierter, systematischer Massenmord an Menschen
war, die als "lebensunwert" eingestuft wurden. Diese Menschen wurden aktiv und gewaltsam
getötet – unter dem zynischen Vorwand einer vermeintlich humanitären "Gnadentat". In
Wirklichkeit sollte damit jedoch einzig und allein die sogenannte "Volksgemeinschaft" von
der zur bloßen Last degradierten Existenz dieser Menschen befreit werden, indem man sich
durch ihre gezielte Tötung der ethisch, moralisch, menschlich und vor allem rechtlich
gebotenen Pflicht zur Fürsorge, Versorgung und gemeinschaftlichen Finanzierung dieser
Personengruppe entzog. Diese menschenverachtenden Verbrechen dürfen niemals auch nur
ansatzweise verharmlost oder relativiert werden.
Dennoch erleben insbesondere die schwer- und schwerstbetroffenen ME-Erkrankten seit
Jahrzehnten eine komplexe Form extremer systemischer Gewalt, die im Ergebnis nicht
minder verheerend und verstörend ist. Wir müssen uns, wie bereits beschrieben, selbst töten,
wenn wir es nicht mehr schaffen, uns durch das enge, kaum passierbare Nadelöhr des
absoluten Endstadiums dieser oft so verheerend verlaufenden Erkrankung hindurchzuquälen
– getrieben von einer aus tiefster Not geborenen, völlig kontrainstinktiven und bedrohlich
anwachsenden Sehnsucht nach einer planbaren Erlösung im Tod als ultima ratio zur
Beendigung dieser mitunter jahrzehntelang andauernden Folter, sofern uns der natürliche Tod
nicht zuvorkommt. Es ist ein sich ausschließlich aus einer absoluten Ausweglosigkeit
aufdrängender Todeswunsch, ja ein verstörender Drang, der perverserweise bis zum letzten
Atemzug in einem unauflöslichen und innerlich zerreißenden Widerspruch zu unserer tiefen
Lebensbejahung, unserem unauslöschlichen Lebenswillen – ja unserer unerschöpflichen
Liebe zum Leben steht.
Wir sterben also nicht, weil uns aktiv jemand zur Selbsttötung zwänge oder uns gegen
unseren Willen eine Todesspritze verabreicht würde, sondern weil wir machtlos einem
System ausgeliefert sind, das unsere Krankheit nicht ernst nimmt, sie kleinredet, nicht
behandelt und völlig unzureichend erforscht. Unser Tod ist – neben dem Nicht-mehr-
Aushalten-Können unerträglicher körperlicher Qualen und dem zermürbenden seelischen
Leid einer krankheitsbedingt erzwungenen, zutiefst lebensfeindlichen Dauerisolation – vor
allem die Folge der einzementierten Untätigkeit eines Systems, das uns im Stich lässt. Es
handelt sich also um perfide, passive Gewalt durch Unterlassung, Schweigen, Ignoranz,
psychologische Fehldeutungen sowie jahrzehntelang verweigerte Hilfe – zurückgelassen im
tödlichen Niemandsland.
Wobei auch das nur die halbe Wahrheit ist:
Wir erleben auch aktive Gewalt, wenn uns in Kliniken lebenserhaltende Maßnahmen
verweigert werden (zum Beispiel das Anreichen sowie aktive perorale Einspeisen von Wasser
oder jegliche Form künstlicher Ernährung), wenn wir gegen unseren Willen in psychiatrische
Einrichtungen eingewiesen werden, wenn uns in Pflegeeinrichtungen dringend erforderliche
Hilfe bei der Befriedigung grundlegender Bedürfnisse verweigert wird – mit der Begründung,
man wolle uns aktivieren –, wodurch sich unser Zustand durch die erzwungene
Überschreitung unserer Belastungsgrenze irreversibel verschlechtert, wenn man uns
schädliche, ungeeignete Behandlungen aufnötigt oder wenn unser Leiden bagatellisiert und
wir entmündigt werden.
All diese Formen der passiven und aktiven Misshandlung führen dazu, dass sich unser
körperlicher und kognitiver Zustand vorübergehend oder dauerhaft erheblich verschlechtert.
Im schlimmsten Fall endet dies tödlich – und das längst nicht mehr nur vereinzelt.
Diese Menschheitsverbrechen bleiben ungesühnt. Und sie geschehen weiterhin – täglich.
Neben der ausführlich dargestellten Unmenschlichkeit, der wir tagtäglich ausgesetzt sind,
wirkt es darüber hinaus besonders befremdlich und inkonsistent, dass die seit Dekaden
staatlich praktizierte Ignoranz, Verleugnung, Vernachlässigung und Unterlassung im Umgang
mit schwerstkranken ME-Patienten auch aus der Logik unserer neoliberalen
Leistungsgesellschaft heraus, die soziale Kosten für das Gemeinwesen und die
Erwerbsunfähigkeitsquote stets so gering wie möglich zu halten versucht, keinerlei Sinn
ergibt.
Allein im letzten Jahr (2024) wurden in Deutschland – trotz der extrem unzureichenden und
absolut nicht bedarfsgerechten Versorgung und Behandlung von ME/CFS-Betroffenen –
durch ME/CFS und Long Covid gesamtgesellschaftliche Kosten in Höhe von 63 Milliarden
Euro verursacht (Arbeitsausfälle, Erwerbsunfähigkeit sowie damit einhergehende fehlende
Steuereinnahmen, Pflegekosten und Sozialleistungen – sofern bewilligt – et cetera). Eine
enorme staatliche Belastung und ein massiver Verlust für die Volkswirtschaft.
Anstatt uns angesichts der großen Zahl an ME/CFS- und Long-Covid-Betroffenen mit in der
Gesamtsumme durchaus kostspieligen Almosen abzuspeisen – Almosen, die meist erst nach
einem kräftezehrenden, entwürdigenden Kampf gewährt werden, aber letztlich nichts weiter
bewirken, als den qualvollen Tod der Schwer- und Schwerstbetroffenen hinauszuzögern und
den Leicht- und Moderatbetroffenen allenfalls ein deutlich verkürztes Leben mit stark
eingeschränkter Lebensqualität zu gewähren, während sich der Staat gleichzeitig damit
rühmt, sich um all jene zu kümmern, die völlig unverschuldet in höchste Not geraten sind,
obwohl er gerade die ME/CFS-Betroffenen seit Jahrzehnten in Wahrheit brutal im Stich lässt
–, sollte endlich ernsthaft und nachhaltig wirksam gehandelt werden.
Neben dringend nötigen Maßnahmen zur Verbesserung der pflegerischen Versorgung in der
Übergangszeit muss der von Karl Lauterbach selbst geforderte Betrag von einer Milliarde
Euro endlich in die biomedizinische Forschung investiert werden. Nur so können die genauen
Pathomechanismen dieser Erkrankung entschlüsselt werden, sodass in der Folge Biomarker
für eine frühzeitige Diagnose sowie gezielt wirksame, passgenaue Medikamente entwickelt
werden können. Damit entstünde eine realistische Hoffnung auf Linderung des grässlichen
Leidens, auf ein selbstbestimmtes Leben in Würde, auf gesellschaftliche Teilhabe – und
bestenfalls auf vollständige Heilung.
Die von ME geheilten oder zumindest medikamentös wirksam behandelten Menschen
stünden dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung, was die Volkswirtschaft stärken und die
sozialen Sicherungssysteme massiv entlasten würde.
Es ist also nicht nur ethisch im Sinne der grundgesetzlich garantierten Menschenwürde sowie
der rechtlichen Fürsorgepflicht des Staates gegenüber den ME-Erkrankten absolut geboten,
sich der seit Jahrzehnten sträflich ignorierten und ihrem grausamen Schicksal überlassenen
ME-Betroffenen endlich vollumfänglich anzunehmen – auch wenn sich daraus leider keine
unmittelbar einklagbare subjektive Rechtsnorm ableiten lässt –, sondern darüber hinaus auch
volkswirtschaftlich deutlich sinnvoller und kosteneffizienter, wie bereits dargestellt.
Realistisch betrachtet ist es vollkommen unbestritten und wird mittlerweile auch von den
wenigen bedeutenden sachkundigen politischen Entscheidungsträgern anerkannt, die sich der
katastrophalen Lage der ME/CFS-Betroffenen bewusst sind, dass die Pharmaindustrie weder
gegenwärtig noch in Zukunft in großem Stil in die biomedizinische Erforschung von
ME/CFS und die Entwicklung von Medikamenten investieren wird. Karl Lauterbach wies
unlängst in mehreren Zeitungsinterviews darauf hin, dass ME/CFS für die Pharmaindustrie in
einer "Todeszone" liege. Die Krankheit sei nicht selten genug, um als seltene Erkrankung mit
hochpreisigen Medikamenten wirtschaftlich interessant zu sein, aber auch nicht häufig genug,
um Massenprodukte zu ermöglichen. Erschwerend komme hinzu, dass ME/CFS keine
einheitliche Erkrankung sei und kein einzelnes Medikament allen Betroffenen gleichermaßen
helfen könne.
Da die Entscheidungen der Pharmaindustrie einzig und allein auf der kapitalistischen
Rentabilitätslogik beruhen, fällt diese als Akteur demnach für die biomedizinische
Erforschung von ME/CFS und die Entwicklung hochwirksamer Medikamente aus. Der Staat
muss also selbst mittels großangelegter, aus dem Staatshaushalt finanzierter
Investitionsprogramme in Forschung und Arzneimittelentwicklung dieser humanitären
Katastrophe ein Ende setzen – er hätte es bereits vor 60 Jahren tun müssen. Dies müsste –
angesichts der jahrzehntelangen und bis heute andauernden, völlig unzureichenden und rein
symbolischen staatlichen Maßnahmen zur Erforschung von ME/CFS, die eher den sehr
berechtigten Verdacht zynischer Augenwischerei erwecken, als ernstzunehmende
gesundheitspolitische Verantwortung zu demonstrieren – nötigenfalls vor dem
Bundesverfassungsgericht einklagbare rechtliche Pflicht des Staates sein, denn auf seinen
Schultern türmen sich die ME-Toten der letzten Dekaden mittlerweile weit in den Himmel
hinein.
Wenn man sich ein transparentes Glas vorstellt und darin in Sedimenten abgeschichtet all die
hoch hilfsbedürftigen und notleidenden, jedoch gesamtgesellschaftlich weitgehend
ignorierten, marginalisierten, verdrängten oder gänzlich aufgegebenen Personengruppen
visualisiert, so kann man mit Fug und Recht behaupten, dass die schwer- und
schwerstbetroffenen ME/CFS-Erkrankten den absoluten Bodensatz bilden. Die bereits
erwähnte, so hoch angesetzte, grundgesetzlich garantierte und unantastbare Menschenwürde
mag zwar offiziell auch für uns gelten – doch in unserer tagtäglich erlittenen, unvorstellbar
grausamen Lebensrealität spiegelt sie sich in keiner Weise wider. Für uns – in unseren
eigenen Körpern begrabene Überlebenskämpfer, gefangen in stockfinsteren Vegetierhöllen –
besitzt sie letztlich nur den Wert einer hohlen, abgedroschenen Phrase.
In so einer Vegetierhölle lebten wir zweieinhalb Jahre zusammen, lieber Marc – Zimmer an
Zimmer. Die Jahreszeiten rauschten draußen in unerreichbarer Ferne vorbei, während in
unseren Zimmern nur Stillstand und ewige, eintönige Überlebensroutine den Tagesablauf
bestimmten. Ein Tag fühlte sich dabei manchmal wie ein ganzes Leben an – so unendlich
lang, obwohl nichts passierte. Manchmal verschwand er auch einfach unauffindlich im
Nichts, so als hätte er nur eine Sekunde gedauert. Die meiste Zeit jedoch verschwamm alles
zu einem einzigen, mal mehr, mal weniger vernebelten Bewusstseinsstrom, der nicht mehr in
der linear fortschreitenden Zeit verankert schien.
Obgleich wir in unserer ambulanten Pflege-Wohngemeinschaft mit angeblicher 24-Stunden-
Versorgung Zimmer an Zimmer lebten, konnten wir uns trotzdem in diesen Jahren fast nie
sehen. Ich war vollständig an mein Bett gefesselt – und bin es bis heute. Du kamst selten für
wenige Minuten in mein Zimmer gerollt, positioniertest deinen Rollstuhl mühsam im
Dunkeln an meiner Bettkante, und so sprachen wir sehr leise einige kurze Sätze miteinander.
Du konntest dich in deinem Rollstuhl kaum aufrecht halten, und manchmal, wenn du deine
absolute Belastungsgrenze versehentlich überschritten hattest, schafftest du es nur noch mit
allerletzter Kraft und nach Luft ringend zurück in dein Bett – dann warst du oft tagelang
komplett außer Gefecht gesetzt und brauchtest über viele Stunden hinweg künstlichen
Sauerstoff.
Wir hatten immer Angst, dass die Pflegedienstmitarbeitenden diese seltenen Besuche in
meinem Zimmer mitbekommen könnten – egal, ob wir ein paar Minuten miteinander
flüsterten oder du mir selbstlos in Notsituationen unter Aufbringung deiner letzten Kräfte
Kühlelemente brachtest –, weil sie diese zufälligen Beobachtungen immer nutzten, um dir
Simulantentum und Faulheit zu unterstellen und um dir langandauernde Pflegemaßnahmen
im Bad aufzunötigen, obwohl du dazu körperlich nicht mehr in der Lage warst. Du hast dich
schließlich – zum Schutz deiner winzigen Restautonomie – verweigert, aus der absolut
begründeten Angst heraus, durch eine erzwungene, langandauernde Überschreitung deines
Belastungslimits völlig lebensunfähig zu werden.
Da sie dir nicht glaubten, ließen sie dich guten Gewissens im Pflegebett verwahrlosen,
verweigerten dir lange die basalste Grundpflege im Bett, weil sie in ihrer überheblichen
Anmaßung unbelehrbar daran festhielten – wider besseres Wissen, denn deine Diagnose war
eindeutig und ärztlich gestellt –, dich aktivieren und erziehen zu müssen, um keine dir
beharrlich angedichtete "Faulheit", "gelernte Hilflosigkeit" oder gar "depressive
Selbstaufgabe" zu fördern. Als würde sich irgendjemand freiwillig von einer wildfremden
Person im Bett waschen lassen wollen, wenn es irgendwie vermeidbar wäre. Ihre in Bezug
auf dich in Stein gemeißelte Überzeugung, ein schwerstkranker Mensch würde sich aus reiner
Bequemlichkeit und Faulheit im Bett waschen lassen wollen – und dies sogar genießen –,
offenbarte ihr zutiefst verstörendes Menschenbild, das dein Autonomiebedürfnis,
Schamgrenzen und existenzielle Not nicht nur verkannte, sondern deren Existenz schlicht
leugnete. Häppchenweise erklärten sie sich gönnerhaft nach vielen Monaten der totalen
körperlichen Vernachlässigung und der damit einhergehenden zunehmenden Verwahrlosung
auf äußersten Druck von außen dazu bereit, dich auch im Bett zu pflegen. Gleichzeitig ließen
sie dich jedoch bis zum Schluss spüren, dass sie es nur äußerst widerwillig taten, da sie dich –
ohne jede Grundlage – als manipulativ, verwöhnt und respektlos abstempelten und die
Grundpflege im Bett weiterhin als medizinisch nicht gerechtfertigt betrachteten. Unverhohlen
gaben sie dir immer wieder zu verstehen, dass sie dich im Falle einer weiteren – aus ihrer
Sicht simulierten – irreversiblen Verschlechterung deines Gesundheitszustandes nicht noch
umfassender pflegen würden. Du lebtest deshalb in ständiger Angst, sie könnten dich einfach
bewegungsunfähig im Bett liegen lassen oder dich in ein Krankenhaus einweisen – beides
hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit ein sehr qualvolles Sterben bedeutet.
Ich musste all das hilf- und machtlos von meinem Zimmer aus hinter der geschlossenen Tür
miterleben – und glaube mir, Bruder: Es hätte mich seelisch fast zerstört, nicht eingreifen zu
können. Und doch waren wir immer füreinander da, stützten uns gegenseitig – seelisch,
moralisch, und du mich, einseitig, in winzigen Dosen sogar körperlich. Gemeinsam trugen
wir uns irgendwie durch dieses Grauen hindurch.
Eines Nachts wurde ich dann, nach monatelanger minutiöser Planung, im stark sedierten
Zustand von zwei Rettungssanitätern und einem Notarzt in einer Schleiftrage aus meinem
Zimmer geholt und unter notärztlicher Aufsicht per Liegendtransport im Rettungswagen aus
dieser Hölle zu meiner Lebenspartnerin gebracht, während du aufgrund des Unwillens und
der Nicht-Bereitschaft deiner Angehörigen dich aus dieser völlig ungeeigneten und
grausamen Unterbringung zu befreien zurückbleiben musstest. Auch sie glaubten dir weder
deine Erkrankung noch nahmen sie es ernst, als du ihnen offenbartest, was dir alles
Grausames angetan wurde.
Es war bis zu deinem Lebensende nicht möglich, eine geeignete Unterbringung und eine 24-
Stunden-Assistenz für dich durchzusetzen – wenngleich einige gesetzliche Betreuer, die deine
Not erkannt hatten und dich darin sehr ernst nahmen, sich bis zum Schluss unermüdlich dafür
einsetzten.
Staatsversagen.
Dein jahrelanger, beherzter Einsatz für die ME/CFS-Community – aus dem in Dunkelheit
und Stille eingefrorenen Krankenbett heraus – war und bleibt ein großer, unschätzbarer
Beitrag zur Sichtbarmachung dieser Höllenkrankheit, insbesondere im Hinblick auf den
katastrophalen politischen und gesellschaftlichen Umgang mit ihr.
Wir werden deinen Kampf – dein Vermächtnis – in unseren kollektiven Kampf aufnehmen
und ihn in deinem Sinne fortsetzen.
Bis – hoffentlich – eines Tages ein Hoffnungsschimmer für alle gegenwärtigen und
zukünftigen ME-Notleidenden am Horizont aufscheinen wird.
Dieser Hoffnungsschimmer wird untrüglich auch dein Gesicht tragen – unauslöschlich.
In meinem Herzen zünde ich eine Kerze für dich an, lieber Marc, und weiß, dass du mir in
deiner manchmal so unvergleichlich trockenen Art für diesen Beitrag mit letzter Kraft ein
zustimmendes "Daumen-hoch-Emoji" und eine zum Widerstand geballte Faust – als Emoji –
geschickt hättest.
In unseren Erinnerungen lebst du weiter, lieber Marc, und ich hoffe sehr, dass du an jenem
Ort, wo du jetzt verweilst, von diesen entsetzlichen Qualen befreit bist.
Fühl dich umarmt.
Dein Hannes